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attentat

Dietrich-Bonhoeffer-Straße, -Kirche, -Gedenken, die Beliebtheit des Songs »Von guten Mächten«, entstanden aus einem Text von Bonhoeffer, die Kirchen haben Bonhoeffer in ihr Herz geschlossen. Wirklich?

Bonhoeffer ist in einer intellektuell-großbürgerlichen, sicher nicht armen Familie aufgewachsen. Seine Brüder studierten Jura und Medizin, er wollte etwas Eigenes, Anderes machen, und wählte Theologie. Er nahm es ernst, aber er war ein intellektueller Freigeist. In der Faschismusdämmerung hat er aus Angst einen Verstorbenen aus einer befreundeten jüdisch-stämmigen Familie nicht beerdigt. Auch an der Reue darüber ist seine Wachsamkeit und Haltung gegenüber dem faschistisch verbrecherischen Staat gereift, und er ist früh bewusst ein bürgerlicher Widerständler gegen den Faschismus gewesen und bis zu seiner bestialischen Hinrichtung geblieben.

Die Kirchen erzählen es gern so, als habe er mit der Bekennenden Kirche gemeinsam gestritten. Aber die war kein Hort des Widerstands. Sie verstand sich selbst als unpolitisch, und ignorierte Bonhoeffers Mahnungen. Sie hat es nicht einmal geschafft, Bonhoeffer in ihre Fürbittenlisten aufzunehmen, als ihn die faschistischen Behörden zwei Jahre vor Kriegsende gefangen nahmen und am 9. April 1945, kurz vor dem Sieg der Alliierten, noch ermordeten. Der Hauptfeind war für die Bekennende Kirche, wie für die radikal faschistischen Deutschen Christen, nicht-christliche Überzeugung, andere Religion, oder sog. Atheismus. Ein Hort des massiven Widerstands war die Bekennende Kirche erst, als die faschistische Niederlage absehbar war, und nach dem Krieg (whitewashing).

Bonhoeffer hatte in der Kirche ein Amt in der weltweiten ökumenischen Verständigung inne. Er hat das genutzt, um Kontakt mit den Alliierten aufzunehmen und, aus Sicht faschistischer und mancher bürgerlicher Menschen, damals wie heute, Landes-Hochverrat zu begehen. Auch soll er jüdisch-stämmige Menschen versteckt und außer Landes geschleust haben.

Er war auch in der bürgerlich-militärischen Verschwörung unter Führung des Admiral Canaris beteiligt, die auf ein Hitlerattentat und einen Putsch gerichtet war. Vielleicht der Hauptgrund für den Hochverratsvorwurf. Das wegen Unzuständigkeit des SS-Standgerichts auch im damaligen »Rechts«system eigentlich von vornherein ungültige Hochverratsurteil wurde erst 1998 formal durch ein Bundesgesetz aufgehoben. Die ausbleibenden Entschädigungszahlen werden die Familie nicht belastet haben, aber das fortbestehende Unrecht bestimmt.

Sein Tod soll nicht so würdevoll und schnell gewesen sein, wie es nach dem Krieg lange hieß. Dieses Märchen diente wohl dem Täterschutz.

Auch die Kirchen haben sich nach dem Krieg schwer getan, ihn zu ehren und zu würdigen. Eine Anerkennung des christlichen sog. Nachfolgeverständnisses auch als politisch kam in Deutschland erst Jahre nach Kriegsende auf.

In seinem Text »Von guten Mächten« schreibt er von dem bitteren Kelch, den er ohne Zittern nimmt und leert. Er deutet seine Qualen nur an. Mit dem Text wollte er wohl seine Familie und sich trösten. Bonhoeffers politische Haltung, gerade nach seiner auch christlichen Überzeugung, haben die meisten Kirchen und Gemeinden in der Bundesrepublik kaum gezeigt, selbst, solange es kaum Risiko bedeutete. Nicht in Worten, nicht in Taten. Mir wird schlecht, wenn »Von guten Mächten« süßlich interpretiert wird, von gemieteten Sänger.inn.en, oder von Gemeinden zur Orgel oder Klampfe.

Heute wird Bonhoeffer auch missbraucht von den Evangelikalen und Fundamentalist.inn.en, den überwiegend trumpistischen Evangelikalen in den USA, und in anderen Ländern und Konfessionen.

Überraschend ist das nicht. Die Religions- und Sozialgeschichte beschreibt wohl fast immer, dass Religionen, die Verbreitung und Macht hatten, sich unter Druck auf einen vermeintlichen Kern, eine rechtgläubige, innerliche, jenseitsgerichtete, politisch folgenlose, individuell psychologisierende Überzeugung als verfolgte, missverstandene Gemeinschaft hin entwickeln. Der politische Bonhoeffer, an dem auch die Kirchen selbst »schuldig« geworden sind, hat im Gedenken dieser Gemeinschaften kaum und zunehmend weniger Platz.

Bonhoeffer ist kein geistiger oder politischer Revolutionär, wenn auch ein kritischer Theologe. Aber er hat Menschenleben gerettet und Haltung bewahrt, das hat ihn umgebracht. Er hat dem Faschismus politisch und praktisch widerstanden. Und hätte er seine Verstrickung in den faschistischen deutschen Staat und in die teils kollaborative, teils untätige, kaum widerständige Kirche selbst sofort gelöst, so hätte er gar nichts bewirken und retten können.

Am 9. April jedes Jahr gedenkt unter anderen Institutionen die Evangelische Kirche in Deutschland wieder Bonhoeffers. Mal sehen.

Belege und Vertiefung: * de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer * HansProlingheuer: Wir sind in die Irre gegangen

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