Ein Leserbrief [1]

https://www.nachdenkseiten.de/?p=85825

Im NDS-Beitrag „Keine Annäherung mehr mit Putins Regime!“ berichtet Florian Warweg von einem Pressegespräch mit Michael Roth (SPD) und fragt seine Leser nach deren Einschätzung der wörtlich zitierten Ausführungen Roths.

Mir kommen dazu spontan mehrere Gedanken.

  1. Die zitierten Äußerungen sind Zeugnis einer Fanatisierung des Freund-Feind-Denkens. Eine solche Fanatisierung haben wir bei Spitzenpolitikern in Deutschland seit 1945 nicht mehr erlebt. Selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wurde auf keiner Seite der innerdeutschen Grenze der politische Gegner so fanatisch zum totalen Feind stilisiert. Einen so fanatisierten Menschen fängt man nicht wieder ein. Auch viele Protagonisten des Dritten Reiches wurden angesichts des total verwüsteten Europas nicht etwa geläutert, sondern hielten bis an ihr Lebensende mehr oder minder verdeckt an ihren Überzeugungen fest. Herr Roth wird vermutlich bei seiner Haltung bleiben, selbst wenn das für Deutschland und Europa katastrophale Folgen haben sollte.

  2. Für mich ist das Wüten des Herrn Roth Ausdruck einer großen Ohnmacht, die entsteht, wenn Hybris durch unabweisbar reale Entwicklungen desillusioniert wird. Dieser Aktionismus, diese Beschwörung der eigenen Stärke und Einflussmöglichkeit angesichts der sich abzeichnenden Niederlage ist beschämend, aber auch bedauernswert. Wenn man jedoch bedenkt, dass die europäischen Völker mit einiger Wahrscheinlichkeit einen hohen Preis für diesen Mangel an menschlicher Größe zahlen werden, erscheint jede Genugtuung unangebracht.

  3. Im letzten Abschnitt des zitierten Vortrags besteht Herr Roth auf der wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Schwäche Russlands. “Russland ist nicht wettbewerbsfähig. Eine Regionalmacht. Weit abgeschlagen. Ohne Innovation.” etc. Aufmerksame Beobachter ahnen, dass dieser Einschätzung ein Fehlurteil zugrunde liegt, und Menschen, die sich näher damit befassen, wissen auch warum. Herrn Roth ist der Glaube an die Schwäche Russlands jedoch wichtig, weil die reale Entwicklung, die eine andere Sprache spricht, offenbar eine tiefe narzisstische Kränkung in ihm auslöst. Wer eine gegnerische Nation so herabwürdigt und schmäht, und selbst – wie zu Beginn des Gesprächs – als ein Prahlhans auftritt, der sollte keine außenpolitische Verantwortung tragen, sondern seiner eigenen Empfehlung folgen und sich psychologisch beraten lassen.