Das alte Spiel
Britische Ambitionen, deutsche Revanche und die ukrainische Tragödie
Geboren etwa ein Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg, wuchs ich in eine Welt hinein, die durch den „Eisernen Vorhang“ strikt geteilt war: im Westen die liberalen Demokratien, im Osten die sozialistischen Volksrepubliken. Auf beiden Seiten wurde rückblickend die politische Entwicklung Deutschlands in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren als epochale und einzigartige zivilisatorische Entgleisung bewertet. Der Umgang mit dieser Bewertung fiel jedoch sehr unterschiedlich aus.
Bei der Beschäftigung mit den Ursachen jener Katastrophe herrschte im Westen Deutschlands ein seltsames Kontext-Tabu. Die Erforschung komplexer gesellschaftlicher und geopolitischer Ursachen wurde gescheut, als könnte die Anerkennung solcher Zusammenhänge jene entlasten, die man allein verantwortlich machen wollte: die deutsche Nation. Zugleich wurden im Westen tatsächliche Täter und aktive Kollaborateure des NS-Regimes oft geschont – ihnen wurde Flucht oder Auswanderung ermöglicht, oder sie wurden bald wieder an wichtigen Schaltstellen der Nachkriegsordnung eingebunden. Im Osten Deutschlands war die Bereitschaft hingegen größer, auch über den spezifisch deutschen Nationalismus hinausgehende Ursachen zu untersuchen („Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“). Mit den konkret für das NS-Desaster Verantwortlichen wurde dort restriktiver umgegangen: Verfolgung, Entnazifizierung, gegebenenfalls Verurteilung und berufliche Einschränkungen.
Vor den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand eine Welt, in der einige wenige Mächte sich mit äußerster Brutalität und Skrupellosigkeit große Teile der Welt als Kolonien angeeignet hatten. Hervorzuheben ist das Britische Empire, das sich gesellschaftlich als Vorreiter und besonders fortschrittlich wähnte (Glorious Revolution), zugleich aber durch den globalen Sklavenhandel und später die koloniale Unterwerfung riesiger Gebiete zu gigantischem Reichtum gelangt war – eine nationale Überlegenheitserfahrung, die in Großbritannien bis heute mit rituellem Stolz gefeiert wird. Beginnend mit Nordamerika und später Ländern wie China, Indien, Australien, Neuseeland und vielen weiteren wurden den dort lebenden Menschen durch militärische Gewalt und Unterwanderung Gebiete entrissen und der Wohlstandsmaschine der britischen Upperclass nutzbar gemacht. Ein zentraler Landstrich jedoch blieb für die Briten als maritime Räuber uneinnehmbar: die kontinentale, ressourcenreiche Weite Russlands.
Spätere gesellschaftliche Entwicklungen ermöglichten es, Länder auch ohne militärische Besetzung auszubeuten – ein effizienteres Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Besatzer. Man verließ die geschundenen Kolonien, stürzte viele dieser Länder ins Chaos und stellte den Rückzug als fortschrittlichen Akt der Humanität und als Überwindung des Kolonialismus dar. Doch Russlands Ressourcen blieben dem Zugriff der eigenen Marktakteure (City of London etc.) im Wesentlichen entzogen. Russland bewahrte stets die Kontrolle über seine natürlichen Reichtümer. Es ist seit langem ein Ziel des Britischen Empire und seiner Verbündeten, dies zu ändern.
Zur Verfolgung dieses Zieles wurden viele Wege versucht und viele Gelegenheiten wahrgenommen, darunter die breite antikommunistische Allianz, die sich in den kapitalistischen Machtzentren zu Beginn des 20. Jahrhunderts herauszubilden begann. In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren waren sich die imperialistischen Mächte einig, dass die russische Revolution von 1917 eine Katastrophe gewesen sei. Die Beseitigung des sowjetischen Kommunismus aus Angst vor Arbeiterrevolutionen im eigenen Land überwog die üblichen Spannungen zwischen den kapitalistischen Mächten. Deutschland war Teil dieser Frontstellung und blieb es auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 – nicht im Sinne eines formellen Bündnisses oder eines festgeschriebenen Masterplans, wohl aber als Ausdruck überlappender Interessenlagen, die sich bei passender Gelegenheit bündeln ließen. Hitlers “besonderer Weg” wurde trotz zunehmend beunruhigender Nachrichten aus Deutschland still geduldet, passiv ermutigt und durch informelle wirtschaftliche Kooperation gestärkt.
Hitlers Plan, ein fanatisch antisowjetisches, stark zentralisiertes Deutschland zu errichten, passte zu den antikommunistischen Zielen der westlichen Wirtschaftsmächte ebenso wie zu den alten interventionistischen Ambitionen, und fand deshalb bei relevanten Akteuren in Großbritannien und den USA Unterstützung. Das Münchner Abkommen von 1938 – die Teilung der Tschechoslowakei und die Abtretung des industriell wichtigen Sudetenlandes an Deutschland – wird traditionell als Chamberlains Fehlentscheidung gesehen. Man kann es aber auch als Befreiung der deutschen Wehrmacht von einem Hindernis auf dem Weg nach Russland betrachten. An Gewicht gewinnt diese Sichtweise durch den Bündnisvertrag, den die Tschechoslowakei 1935 mit der Sowjetunion geschlossen hatte.
Hitler wich jedoch schon in den ersten Monaten des Krieges von dieser Interessenkonvergenz ab, indem er das Westfront-Problem im Blitzkrieg löste. Nach der Bildung der Achse Berlin-Rom-Tokio entwickelte sich der Zweite Weltkrieg mehr und mehr zu einem Krieg um die Weltmacht, statt zum ursprünglich erhofften Vorgehen, das kommunistische Problem zu lösen und die russischen Weiten der postkolonialistischen Ausbeutung zugänglich zu machen. Obwohl solche Absichten weiterhin existierten und Unterstützung fanden, erzwangen die veränderten Umstände Anpassungen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Churchills Ausspruch von 1945 „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet“ und seine „Operation Unthinkable“ nachvollziehbar – er verfolgte damit eine Fortsetzung von strategischen Zielsetzungen, die jedoch in der Nachkriegswelt zunächst nicht mehr umsetzbar waren.
Stellvertretend wurde die NATO gegründet. So wird auch verständlich, warum bei der Untersuchung des deutschen Nationalsozialismus im Westen ein Kontext-Tabu durchgesetzt wurde: Die Westmächte hatten den Verlauf der letzten Kriegsjahre genutzt, um sich als entschiedene Gegner Nazi-Deutschlands zu inszenieren. Diese Inszenierung sollte nicht auffliegen, sondern verstetigt werden. Heute gilt im Westen, dass vor allem die USA und Großbritannien Deutschland vom Nationalsozialismus befreit hätten – eine perfekte Fortsetzung dieses Schwindels. Die westalliierte Beteiligung an der Befreiung soll hier nicht geleugnet werden, doch die Behauptung, es sei vor allem ihre historische Leistung gewesen, macht ihre eigene Verstrickung in die unheilvollen Entwicklungen dieser Zeit ebenso unsichtbar wie den mit großem Abstand schwersten Beitrag zur Befreiung, den die sowjetische Führung leistete und den die Völker der Sowjetunion zu tragen hatten.
Heute erleben wir ein Revival der alten Ambitionen des Empire, die von Großbritannien und den mit ihm verbündeten Mächten, darunter Deutschland, nie wirklich aufgegeben worden sind. Die nationalistische Ukraine – nicht gleichzusetzen mit dem nationalsozialistischen Deutschland in Bezug auf das singuläre Verbrechensausmaß, aber in mancher inneren politischen Formation und geopolitischen Funktion durchaus vergleichbar – darf heute die „Drecksarbeit“ für die „Freiheit“ erledigen. Der neokoloniale Versuch, Russlands Ressourcen endlich der eigenen Machtpolitik zu unterwerfen, wird dabei zynisch als „Entkolonialisierung Russlands“ bezeichnet. Aus dieser Perspektive wird die fanatische und bedingungslose Unterstützung der Ukraine in ihrem Kampf um die Schwächung Russlands nachvollziehbar.
Hinzu treten handfeste ökonomische Motive: westliche Vermögensverwalter haben sich seit der ukrainischen Bodenmarktreform von 2020 großflächig ukrainisches Agrarland gesichert, und die Ausbeutung ukrainischer Naturressourcen wurde dem Westen im Austausch für deren militärische Unterstützung bereits versprochen. Einen nicht geringen Teil ihres Landes haben die Ukrainer so schon heute verloren – an westliche Magnaten. Diese wollen natürlich verhindern, dass ihre Investitionen unter russischem Einfluss in heimische Hände zurückgelangen, was einem Totalverlust gleichkäme. Darüber hinaus hindert die Logik der versunkenen Kosten den Westen, angesichts der aussichtslosen Lage Vernunft walten zu lassen; panisch wird nach einer Rechtfertigung für die immensen Ausgaben und ökonomischen Schäden gesucht, die der Kampf gegen Russland im Westen verursacht hat, um einer Rechenschaftspflicht gegenüber den eigenen Bevölkerungen zu entgehen.
Für Großbritannien bedeutet der Kampf gegen Russland eine weitere Runde in der Verfolgung einer uralten, nie aufgegebenen Agenda. Und für die deutschen Eliten bietet der ukrainische Hass auf alles Russische und seine Materialisierung im Krieg gegen Russland die Gelegenheit, ein altes Spiel wieder aufzunehmen und seinen damaligen Ausgang zu revidieren – ein revanchistisches Motiv, das als politische Revision der Niederlage des Zweiten Weltkriegs im Osten verstanden werden muss. Die überbordende Kriegsrhetorik und die intensive Kriegstüchtigkeit, die heute in Deutschland so auffällig sind, lassen sich anders kaum erklären.