Die Freie Linke – ein Gegenentwurf ?
ein Meinungsbeitrag zur Programmdebatte von Dirkson
(der Text ist im Juni/Juli 2026 im Rahmen des internen Austausch entstanden und wird hier zum Zwecke der Dokumentation hinterlegt)
Die Freie Linke (FL) war ein Gegenentwurf aber war sie es nur während des Corona-Maßnahmenstaats und was wird nun aus dieser Idee von der Möglichkeit einer Zusammenkunft und Sammlung von freien Linken (eigentlich gehört hier das Frei groß geschrieben)?
Ich erspare es mir hier ein Narrativ zu konstruieren was die wahre Geschichte der Freien Linken gewesen sein soll. Es sei nur erwähnt, ich war so ziemlich von Anfang an dabei, jedenfalls nach meiner Einschätzung, also im Zeitraum der Formulierung des Aufrufs der Freien Linken ( https://wordsmith.social/freielinkeanarchisten/aufruf-der-freien-linken ) durch welchen sie sich zu konstituieren suchte und dessen Lektüre ich jedem Interessierten anrate. Und auch wenn ich Anlass dazu habe anzunehmen, dass meine Erlebnisse es mir ermöglichen ein realistisches Bild der Entwicklung in der FL zu zeichnen, nehme ich ebenfalls an, dass es andere Perspektiven auf die Ereignisse geben könnte. Viele der damaligen Mitstreiter und Aktiven sind heute nicht mehr dabei, Zersetzungen durch Spaltungsbestrebungen waren immer schon ein Thema, was dazu geführt hat, dass sich einige im Laufe der Zeit enttäuscht abwandten. Die Freie Linke war immer auch eine Gruppe von linken Quer- und Selbstdenkern, Menschen die vielfach, ob bewusst oder nicht, nicht in die schablonenhaften Angebote vorhandener gesellschaftlicher Organisation passten. Diese Unangepassten hatten und haben natürlich reichlich Widersprüche im Gepäck, und es sind liebgewonnene prägende Stücke die sie da tragen. Nun haben Menschen eigentlich immer das Verlangen das sie belastende mit anderen tragen zu wollen, der eine mehr der andere weniger, und dabei ist der eigene Rücksack auch oft der schwerste, das eigene Kreuz soll also von allen oder möglichst vielen getragen werden und die, welche glauben um die Erlösungskraft ihres Kreuzes zu wissen, wollen natürlich aus Sorge um ihre Erlösungsvorstellung auch die ganze Veranstaltung kontrollieren. Man verzeihe mir die kleine religiöse Metapher aber es gibt eben auch säkulare Jesuiten und in der linken Szene hat dies wie es scheint krankhafte Züge angenommen, was dazu führt, dass sich immer mehr von ihr abwenden und es zu regelrechter Sektenbildung in einer Vielzahl von Kleinstgruppen kam deren Anhänger im Orbit der jeweiligen ideologischen Interpretation ihrer Führergestalten kreisen. Eine Entwicklung die man in der linken Szene überall findet aber auch die FL immer mehr heimsucht.
Soviel von mir zur Geschichte, nun was soll aus ihr werden der großgeschriebenen Freien Linken? Und wo sind und bleiben die freien Linken, die hier zumindest eine Aussicht auf Gemeinschaft fanden, die einige ja auch im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten nutzten.
Da gibt es nun Vorstöße in besagte Schwäche hinein, man kann nicht das Kleine drum muss es das Große nun sein, Arbeiterpartei zur Machtergreifung durch Revolution. Natürlich nur „korrekt kritisch“, was sonst. Frei sein, keine Rede mehr von solchen Menschleinträumen, richtige Marxisten sollen sie nun alle sein.
Ihr seht schon ich ertrage derart plattes was hier Form annehmen will nur mit Ironie. Marxistischer Plattformismus? Und das unter Quer- und Selbstdenkern, na da werden wohl nur die mitgehen, die ohnehin den selben Stern anbeten. Plattformismus kennt man übrigens auch in der anarchistischen Szene, eine kleine Internetrecherche auf https://www.anarchismus.de/stroemungen/plattformismus brachte folgende Eckpunkte:
-Plattformistische Organisationen teilen folgende Werte: Einheit der Ideologie (anarchokommunistisch), einheitliche Taktik und kollektives Handeln, kollektive Verantwortung, Föderalismus und haben ein hohes Maß an formeller Grundlage in der Organisierung.
-Der Plattformismus ist der Versuch einer Lehre aus den historischen Niederlagen der Bewegung (speziell der russischen Revolution) – der Plattformismus geht davon aus, dass ein wichtiger Grund dafür die fehlende Organisation war.
-Der Plattformismus stellt die Disziplin der Aktiven in den Vordergrund, sich an Vereinbarungen zu halten und diese zuverlässig zu erfüllen.
-Der Plattformismus war und ist stark an den Klassenkämpfen orientiert und legt damit häufig einen Schwerpunkt auf Gewerkschaftsarbeit.
-Formuliert eine klare Absage an individualistische Tendenzen im Anarchismus und grenzte sich bewusst von dem Bolschewismus ab.
Ursprünglich entstanden aus Erfahrungen der Niederlage im Kampf der bäuerlichen Aufständischen um Nestor Machno gegen den Bolschewismus.
Nun, wir sehen gleich Überschneidungen zum marxistischen Entwurf von Hanns und Bernd, auch in den Widersprüchen. Das Feindbild ist hier natürlich nicht der Leninismus (was wirklich sehr bedauerlich ist) sondern der Stalinismus (um den es nicht schade ist und der auch nur eine Spielart des Leninismus war, was auch für den Trotzkismus gilt), aber so hat eben jeder seine Bewertungen der Niederlagen seines Gestirns. Die Gegensätze zwischen Individuum und Kollektiv will man auch hier nicht versöhnen sondern durch Disziplin, also Macht und somit im Endeffekt durch Gewalt, ausschalten. Es gibt Anarchisten, die den anarchistischen Plattformismus als „Leninismus ohne Lenin“ beschreiben aber bei den Anarchokommunisten steht wenigstens was von Föderalismus drin.
Wie wir sehen haben Kommunisten eine Tendenz zum Plattformismus, den man auch als Vorstufe einer Partei ansehen kann, aber auch ne Menge Probleme sich friedlich zu einigen. Es sind die Kopfgeburten (top down) von ideologischen Führern nach Niederlagen. Mir persönlich kommt in all diesen Konzeptionen das Thema Selbstbestimmung zu kurz oder fehlt gar ganz, was auch nicht verwunderlich ist den es sind letztlich militärische Konstrukte die immer auf einen hierarchischen Aufbau hinauslaufen.
Und nun komme ich zur Programmdebatte um die Freien Linken zurück und möchte es erstmal stark vereinfachen und die Freie Linke von zwei ihrer, aus meiner Sicht, wesentlichen Kernthemen betrachten die sich schon aus ihrem Namen ableiten, weswegen mir dieser auch von Anfang an zusagte. Das erste habe ich gerade genannt Selbstbestimmung wofür das Wort „Freie“ im Namen steht und als zweites ein allgemeiner emanzipatorischer Anspruch, was in meinen Augen das wesentlichste Merkmal einer linken politischen Orientierung ist. Im Aufruf heißt es: “Es lebe die Freiheit und das Menschenrecht!“, was ich äquivalent verstehe. Gibt die Freie Linke diese beiden Kerninhalte auf oder vernachlässigt eines von beiden so führt sie sich selbst ad absurdum.
Ein weiteres wichtiges Thema des Aufrufs ist die Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung und da gehört nicht nur die damals staatlich forcierte Segregation von Maßnahmenbefürwortern und Maßnahmengegnern dazu sondern auch alle anderen den Herrschaftsverhältnissen dienenden Spaltungen, auch und gerade die in der Opposition, in der linken Opposition erst recht, dort ist das leider virulent. Große komplexe Gesellschaften sind differenziert, das ist ein unvermeidlicher Fakt, und es wäre eine linke Aufgabe sich dafür einzusetzen ein politisches System zu entwickeln wo diese unterschiedlichen Interessenlagen der vielfältigen Individuen und Gruppen auf friedlichem Wege ohne Unterdrückung ausbalanciert und somit in Einklang gebracht werden können.
In der Antike fand man für die Machtbegrenzung der Aristokratie und die allumfängliche Beteiligung aller Betroffenen an politischen Prozessen die Bezeichnung Demokratie. Die kapitalistische/neofeudalistische Realität bietet uns heute nur ein groteskes Spektakel mehr Schein als Wesensinhalt, sie nennen es nun „Unsere Demokratie“. Dieses „repräsentative“ Schauspiel hat natürlich mit Machtbegrenzung und maximaler Beteiligung der Betroffenen nichts zu tun sondern bildet nur die Verwaltung der Aristokratie, welcher auch das besitzanzeigende Fürwort gilt, damit deren Kämpfe nicht zu viele Kosten und Friktionen erzeugen. Aber machen wir uns nichts vor wenn diese Kosten steigen fallen die Hüllen und die hässliche Fratze kommt mal wieder ans Licht voller Geringschätzung für alles lebendige. Unsere Aufgabe wäre also die Beförderung ihres genauen Gegenteils, die direkte Demokratie. Ralf Burnicki beschreibt in seinem gleichnamigen Buch Anarchie als Direktdemokratie und was wenn die politische Herrschaftslosigkeit sich tatsächlich erst in gelungener direkter Demokratie verwirklicht. Keine Vertreter oder Führer gestalten dann Politik sondern alle Menschen gemeinsam da wo sie betroffen sind.
Im Aufruf heißt es weiter: “Wir sind Linke unterschiedlicher Strömungen“ und es finden sich Beschreibungen wie: gemeinsam, gleichwertig, breit, vereint und strömungsübergreifend. Woraus ich das Ziel ableite zu versuchen die Spaltung in der Linken zu überwinden und sei es erstmal nur die unter den linken Maßnahmengegnern des damaligen Coronaregimes. Es sind diese Spaltungen und die damit verbundenen Machtkämpfe innerhalb der Linken die Postlinke erzeugen. Und die Zeit der militärischen Corona-Operation hat gezeigt wie wenig Linke es derzeit gibt.
Und da es nun angesprochen ist, von der Ergreifung der Macht oder der Hegemonie einer bestimmten ideologischen Strömung ist im Aufruf der Freien Linken nirgends die Rede. Der aktuell diskutierte Programmentwurf von Bernd und Hanns verlässt somit die konstitutive Basis der Freien Linken und stellt in meinen Augen den Versuch dar sie in eine trotzkistische Linke (Sekte) zu verwandeln, also ein weiterer Versuch von Entrismus, übrigens auch nicht der erste in der Freien Linken. Dieser Entwurf ist ideologisch so einseitig durchtränkt, genauso wie er ignorant und intolerant ist, dass es keinen Sinn macht daran zu arbeiten, er ist aus meiner Sicht abzulehnen.
Die Corona-Operation haben die Herrschenden auslaufen lassen während andere militärische Operationen eskaliert wurden, in Deutschland kann man die Kontinuität der militärischen Entwicklung am Beispiel der Karriereentwicklung von verantwortlichen Offizieren nachzeichnen. Nun, das Thema Corona verlor in der Öffentlichkeit und in der FL an Bedeutung, und die Kriege, zuerst der in der Ukraine, beschäftigen uns von nun an. Frieden wurde jetzt unmittelbar und absolut richtig unser Hauptthema, obwohl es letztlich auch bei Corona um nichts anderes ging. Aber mit jedem dieser uns allen aufgezwungenen Konflikte kamen Spaltungsmomente in die Gesellschaft und somit auch in die Freie Linke. Und auch hier nimmt der Entwurf unserer leninistischen Freunde eine sehr zweifelhafte Position ein, nämlich (man Staune), gegen Pazifismus. In Zeiten wo Jugendliche anfangen sich gegen die staatliche militaristische Zerstörung ihrer Zukunft zu wehren und dabei sind z.B. mit den Schulstreikdemos aktiv zu werden soll in der FL gegen pazifistische Ideale argumentiert werden? Wirklich?
Das mit den Milizen geht wohl letztlich auf Gedanken von Engels zurück der, schon was von „öffentlichen Gewalten“ rumfantasierte (was eine eigene Betrachtung verdiente oder auch gerade nicht) und Lenin ins liebäugeln mit der Diktatur brachte, und außerdem habe ich das schon vor längerer Zeit an anderer Stelle mitkommentiert (https://wordsmith.social/freielinkeanarchisten/braucht-die-freie-linke-ein-programm). Hierzu jetzt nur so viel, ob und welcher Art freie Gesellschaften dereinst Militär benötigen muss von diesen in der Zukunft selbst entschieden werden und nicht von uns autoritätsgeschädigten staatlichen Leibeigenen unter nach wie vor aristokratischen Verhältnissen.
Wir sehen die Machtkämpfe der Herrschenden, eine Aristokratie die immer kämpfen muss, gegeneinander genauso wie gegen ihre Unterworfenen, und wir sehen Machtkämpfe in der Opposition, wo nicht wenige danach trachten selbst neue Aristokraten (sie nennen es manchmal Avantgarde) zu werden und die alten zu ersetzen. Ein trauriges Spektakel mit immer neuen Aufführungen, immer etwas anders inszeniert aber der Reim setzt sich fort und erhält immer neue Strophen. Ich persönlich bin in den letzten Jahren immer mehr davon überzeugt worden, dass auf Macht und Gewalt basierende Erlösungsvorstellungen zum scheitern verurteilt sind. Sie zwingen den Handelnden Mittel und Strukturen auf, die sie entweder vernichten oder letztlich in das verwandeln was sie eigentlich bekämpfen wollten. Auch jedem Parteiprojekt ist dieses Schicksal sicher, um so erfolgreicher desto schneller und deutlicher. Nur geübte Verweigerung kann hier meiner Einschätzung nach Abhilfe bringen. Nur Anti-Politik, nur Anti-Partei, nur Anti-Dienst also Streik kann etwas bewirken.
Anti-Politik ist kein Apolitizismus sondern im Gegenteil die weitestgehende Politisierung der Gesellschaft durch die Zielsetzung möglichst viele Menschen an einer neuen Form politischer Gestaltung zu beteiligen. Es ist ein Gegenmodell zum herrschenden aristokratischen Spektakel, welches unter dem Label „Politik“ firmiert. Keine Vertretung sondern direkte Demokratie durch direkte Beteiligung, deswegen ist das aristokratische Prinzip der Wahl auch abzulehnen und nicht auch noch die Propaganda der Parteienherrschaft zu ventilieren. Parteien sollten am besten abgeschafft werden, diese Sumpflöcher staatlicher Korruption sollten ausgetrocknet werden, oder wenigstens in ihrer Bedeutung auf das Verhältnis der in ihnen organisierten Mitglieder zur Gesamtbevölkerung beschränkt werden. Viel mehr könnte man sich mit direktdemokratischen Konzepten beschäftigen die Losverfahren anwenden und so wirklich jeden irgendwann in politische Verantwortung bringt und nicht immer nur Angehörige der akademischen Kaste, der Manager-Klasse, in welcher sich die Aristokratie den opportunistischen Nachwuchs für ihre Strukturen zieht. Oder imperative Mandate welche das Volk auch wieder aktiv entziehen kann aber eine politisch aktive Bevölkerung gefährdet immer die Herrschaft der wenigen, der Aristokratie, da sind sie lieber ungestört bei ihren Sauereien siehe z.B. Stichwort „Epstein-Class“, nichts anderes als organisierte Kriminalität.
Im trotzkistischen Entwurf wird das binäre Feindbild des Reformismus bedient dabei ist es natürlich idiotisch generell Reformen abzulehnen. Die Frage ist doch wem nützen Reformen und weisen sie in die richtige Richtung. Initiativen mit dem Ziel von Verfassungsreformen für mehr Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie sind zu unterstützen, sie sollten somit unser Anliegen sein, genauso wie Bestrebungen in Richtung Neutralität und Dezentralisierung im Sinne eines radikalen Regionalismus sollten unsere Unterstützung finden. Kurioserweise hat sich kürzlich sogar eine Partei (Losdemokratie) gegründet die sich als alleinigen politischen Inhalt die Implementierung von Losverfahren in die Politik zur Aufgabe gemacht hat und erklärt kein anderes Ziel zu verfolgen. Wie glaubwürdig das sein mag steht auf einem anderen Blatt. Wer also unbedingt wählen will, weil er die Illusion nicht aufgeben mag kann ja hier seine Stimme verschenken und so vielleicht wenigstens zur Popularisierung dieses Ansatzes beitragen.
Aber wenn die Freie Linke nicht die Vorfeldorganisation einer weiteren kommunistischen Partei wird, was kann sie dann sein? Ich meine wenn die Zersetzung noch nicht alle Potentiale für Neues untergraben hat, was mir gegenwärtig fragwürdig scheint. Nun dann könnte Sie eine Art Dachverband für linke Systemkritiker und freie Geister ohne Berührungsängste und politisch bipolare Zwangsneurosen sein. Gustav Landauer hoffte einst auf einen sozialistischen Bund, einen freiwilligen Bund der Freien Sozialisten im Bund freier Bünde deren gemeinsames Ziel die gemeinsame Arbeit an etwas Neuem ist. Etwas Neues? Das wäre revolutionär. Was hat sich schon geändert? Wir brauchen immer noch den Ort, den Raum, ein Verhältnis wo man Spaltungen überwinden kann, wo man in aller menschlichen Vielfalt an Sachfragen orientiert zusammen arbeiten kann und so die Möglichkeit schöpft Verständnis für einander zu entwickeln.
Ich denke die Vielfalt und Pluralität war eine der größten Stärken der Freien Linken, wer das für einen zu beseitigenden Makel hält hat auch keine Vorstellung von dem Neuen was es zu erbauen gilt. Nun Ideen sterben nicht so schnell und mancher Samen muss frostige karge Zeiten überstehen bis ein Pflänzchen draus wird, dann mickert dieses Pflänzchen auch noch eine zeitlang vor sich hin und manche schreiben es schon ab bevor es doch noch gedeiht und Früchte trägt.