Anarchie geht immer!
Eine kleine Rezension zum Buch „Anarchie jetzt oder Nie!“ von Sylvie-Sophie Schindler.
von Dirkson
Endlich ein aktuelles Buch in dem sich eine Autorin fürsprechend Anarchie zum Thema und zur Herzensangelegenheit nimmt. Das allein tut gut und verdient Dank, ein bisschen Kritik kommt dann aber auch noch.
Die gewählte Form als essayistischer Versuch ist ein schlankes, kurzweilig zu lesendes Büchlein, dass man als gut zugänglich einstufen kann. Das ist gut, denn Anarchie verdient breite Aufmerksamkeit und Popularität, keine akademische Nische in verstaubten Bücherregalen. Popularität braucht sie auch, will sie Wirklichkeit werden, genauso wie die Menschheit Anarchie braucht, jetzt erst recht! Aber zurück zum beim Westend Verlag erschienenen Buch.
In erster Linie präsentiert sich in diesem ein großes antipolitisches Statement und das ist richtig und wichtig, denn wo sittenverwahrloste Eliten mit ihrer menschenverachtenden Gier nicht mal mehr bemüht sind ihre schändlichen Taten zu verbergen, die Liste diese aufzuzählen würde den Rahmen hier sprengen, und ihre politischen Helfershelfer die genauso skrupellos wie mörderisch danach trachten all dies zu legalisieren und ungesühnt zu lassen, wird offenbar was Politik tatsächlich ist, organisiertes Verbrechen.
Anti-Politik und Anarchie zeigt uns Frau Schindler gekonnt als Wegweiser einer Lösung, ja man möchte es Erlösung nennen. Nun ein wenig Kritik, ich beginne mit dem was schon im Titel zum Ausdruck kommt. „Anarchie jetzt!“ hätte doch völlig genügt, zwar wird es mit dem „… jetzt oder Nie!“ griffiger und das zur Tat aufrüttelnde ist sicher im besten Landauer’schen Sinne gut gemeint aber ich sehe nicht warum es für Anarchie je zu spät sein sollte so lange Menschlichkeit existiert. Ich denke Anarchie geht in jedem einzelnen immer, selbst wenn derjenige in einer Gefängniszelle säße, so lange man lebt und selbstständig zu denken, träumen und hoffen vermag. Als Gesellschaft und erst recht als Menschheit ist es schwieriger aber prinzipiell nicht anders, nur ist das auch schon seit sehr langem so und das erkennt ja auch Frau Schindler wie sie an anderen Stellen im Text zeigt z.B. wenn sie von athletischer Ausdauer und Leidensfähigkeit oder am Schluss des Buches von der offenen Zukunft schreibt.
Das Verneinen ist unerlässlich aber man darf sich darauf nicht beschränken. Wie Yin und Yang wird es sowieso erst durch eine ergänzende Bejahung rund. Und beidem eine Timeline zu setzen ergibt keinen Sinn auch nicht wenn man fürchtet dass sich die Verhältnisse verschlechtern. Das die affirmative Seite etwas zu kurz kommt ist eine Schwäche des Buches. Für mich ist Anarchie mit freiwilliger Sozialität verbunden, also der Vorstellung eines freiheitlichen Sozialismus, die unter Anarchisten eine lange Tradition hat. Da Frau Schindler ihren Anarchismus auch vom Sozialismus abzugrenzen sucht sei hier nur erwähnt, dass es sowohl vom Anarchismus wie auch vom Sozialismus recht unterschiedliche Vorstellungen gibt, der von ihr erwähnte Landauer z.B. sah sich meines Wissens Zeit seines Lebens als Sozialist und war Redakteur einer Zeitung die diese Bezeichnung als Namen trug.
In dem Text gibt es zahlreiche Zitate, Verweise und Gedanken von doch sehr verschiedenen Vor- und Mitdenkern, nur wenige davon dezidierte Anarchisten, neben dem oben bereits erwähnten Landauer fällt mir noch Graeber ein, die ich beide schätze und auch jedem interessierten ans Leserherz lege. Ob Nietzsche oder Sloterdijk als Fürsprecher für die Anarchie taugen muss wohl jeder Leser für sich entscheiden, ich habe bei beiden meine Zweifel, aber das ist sicher auch eine Frage des persönlichen Geschmacks oder des Milieuhintergrundes das einen prägt. Nietzsches Uneindeutigkeit macht es mir bisher schwer ihn anarchistisch zu lesen. Neben anderen wird auch noch auf Mausfeld Bezug genommen womit wir im aktuellen Zeitgeschehen im Umfeld der neuen Demokratie- und Friedensbewegung angekommen sind und der, wenn es um Kritik an staatlicher bzw. elitärer Machtentgrenzung geht, eine hervorragende Referenz ist.
Das Buch ist kein großes Anarchie Erklärbuch, dass will es auch nicht sein. Wer sowas sucht ist bei dem im Buch erwähnten Standardwerk von Horst Stowasser besser aufgehoben. Nein es ist vielmehr aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben, das ist Stärke und Schwäche zu gleich, einerseits macht es das Buch interessant weil man so von Blickwinkeln und Schwerpunkten erfährt die einem vielleicht neu oder ungewohnt sind, man lernt so auch die Autorin etwas kennen. Andererseits vermisst man auch ganz viel, aber das wiederum fordert zum weiterdenken auf.
Im vorletzten Abschnitt spricht Frau Schindler das Problem der Rädelsführerschaft an, den Begriff verwende ich hier mal ganz bewusst, mit dem nun mal alle konfrontiert sind die Texte veröffentlichen oder eine Rede halten und das gilt eben auch für Autoren wie sie. Ein Problem das mehrere Facetten hat und aufmerksam bedacht sein will. Das Anarchie mit Führerschaft als Prinzip nicht in Einklang zu bringen ist sollte klar sein. Auch deutet sie hier viele Aspekte an, die der Leser zuvor vermisst haben mag, was die vorangegangene Kritik mildert und so fällt es nun doch schwerer die Autorin in eine Schublade zu stecken.
Ich empfand dieses gut geschriebene Buch, beim lesen und auch noch danach, vielleicht gerade wegen der oben beschriebenen Stärken und Schwächen, als Bereicherung und kann eine Leseempfehlung aussprechen.